Gastbeitrag zur Geschichte des 18. März in Magdeburg

Gastbeitrag von der Website Geschichte von Unten, zur Kundgebung „Tag der Politischen Gefangenden“. Es geht um die Hintergründe zum 18. März und Aktivitäten in Magdeburg bis 1933.

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Die Märzfeiern der Arbeiterbewegung in Magdeburg

Eine verlorengegangene Feiertradition

Einleitung: Die Feierkultur der frühen Arbeiterbewegung in Deutschland

Wie jede weltanschauliche Bewegung hat(te) auch die Arbeiterbewegung in Deutschland ihre feierlichen Rituale und Feste. Diese waren im Laufe ihrer Entwicklung Veränderungen unterworfen – neue Ereignisse schufen neue Mythen und damit verbunden oft auch neue Feierrituale.

Zunächst einmal beging i.d.R. jeder Arbeiterverein, sei es ein Wahlverein bzw. eine Ortsgruppe einer Partei, sei es ein Werkverein oder die örtliche Gewerkschaftsgruppe, sein „Stiftungsfest“, d.h. den Jahrestag der Gründung. Oft veranstalteten sie auch Sommerfeste oder machten gemeinsame Ausflüge an kirchlichen Feiertagen wir Ostern oder Pfingsten. Zu diesen, den lokalen Gegebenheiten entsprechend variierenden Festlichkeiten kamen diejenigen, die in ganz Deutschland – bzw. später auch international – begangen wurden. In den Anfängen der Arbeiterbewegung in Deutschland war die Lassallefeier, 2die immer um den 31. August herum begangen wurde, dem Todestag des Begründers des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), der in der deutschen Arbeiterschaft quasi Kultstatus genoss, das Ereignis des Jahres. Vielerorts wurde auch seit 1849 der 18. März als Gedenktag für die Gefallenen der Barrikadenkämpfe in der Revolution 1848 in Berlin begangen. Spätestens ab 1872 wurde dieser Gedenktag auf die Opfer der Pariser Kommune ausgeweitet, die an diesem Tage im Jahre 1871 die Kommune proklamiert hatten. Damit bekam dieser Tag auch eine internationale Dimension, wenngleich in Deutschland die Ehrung der Märzgefallenen von Berlin im Vordergrund stand. Von Anfang global begangen wurde hingegen der 1. Mai. Dieser geht auf einen Beschluss der (zweiten) Internationale zurück, die auf ihrem Gründungskongress 1889 aufrief, an diesen Tag weltweit Streiks und Kundgebungen zur Durchsetzung des Achtstundentages durchzuführen. Anlass hierfür war ein Generalstreik in vielen Städten der USA zur Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzungen am 1. Mai 1886. In Chicago eskalierte eine Protestkundgebung auf dem Haymarket, es kam zu einem bis heute ungeklärten Bombenanschlag, bei dem mehrere Menschen verletzt worden sind und ein Polizist getötet wurde. Die Behörden machten dafür acht Anarchisten verantwortlich und verurteilte fünf davon zum Tode, obwohl es keinerlei Beweise für deren Schuld gab. In der Folge kam es weltweit zu Protesten., die drei Überlebenden wurden 1893 freigelassen.

Abbildung 1: Anzeige der Broschüre „Zum 18. März und Verwandtes“ von Wilhelm Liebknecht (1895)

Die Festlichkeiten fanden oft nicht genau an dem Tag des stiftenden Ereignisses statt. Das hatte zum einen ganz profane Gründe – sie wurden auf den arbeitsfreien Sonntag (oder den Abend zuvor) gelegt, um möglichst vielen die Teilnahme zu ermöglichen. Mitunter waren dafür aber auch andere Gründe ausschlaggebend. Man versuchte die eigenen Feiern bewusst als Gegenfeiern zu den offiziellen Festtagen zu etablieren und legte diese auf denselben Termin, wie die von den Behörden anberaumten. Sie profitierten dabei vom Zufall – lag doch der Todestag von Lassalle (31. August) in zeitlicher Nähe zum „Sedantag“, an dem der Sieg über die frz. Armee 1870 in der Schlacht bei Sedan als Gründungsereignis des Deutschen Reiches gedacht wurde und der 18. März fiel beinahe mit dem Kaisergeburtstag am 22. März zusammen. Und schließlich wurden den kirchlichen Konfirmations- und Kommunionsfeiern ca. ab der Jahrhundertwende 1900 die atheistischen Jugendweihen entgegengesetzt, die meist anlässlich der Schulentlassung der 14-Jährigen im Frühjahr begangen wurden.

Die Feste der frühen Arbeiterbewegung in Deutschland glichen sich in ihren Abläufen. Man orientierte sich dabei auch an althergebrachten Ritualen zumeist religiösen Ursprungs.5 Meist versammelten sich die Mitglieder und Anhänger eines Vereins – sofern vorhanden – in ihrem, ansonsten in einem Lokal, dessen Wirt, aus welchen Gründen auch immer, sein Lokal dafür hergab. Bei solchen Feiern waren die meist männlichen Mitglieder (im Kaiserreich war es Frauen verboten, Mitglied in einem politischen Verein zu sein) angehalten, ihre Frauen und mitunter auch Kinder mitzubringen. In den sozialdemokratischen Zeitungen wurde für die Versammlungen zumeist an prominenter Stelle geworben, an besagten Tagen selbst erschienen Artikel zum Anlass der Feiern, in denen oft versuchte wurde, Anknüpfungspunkte zu aktuellen politischen Ereignissen herzustellen und die meist mit pathetischen Aufrufen zur Stärkung der Partei, ihrer Presse sowie der Gewerkschaften endeten. Oft erschienen, gedruckt auf rotem Papier, gesonderte Festtagszeitungen, die meist zentral vom Parteivorstand der Sozialdemokratie in Berlin herausgegeben wurden und Auflagen von bis zu 150.000 Exemplaren erreichten. Mitunter wurden aber auch Sonderausgaben der regionalen Parteizeitung oder auch kleine Programmhefte gedruckt. Die Räume wurden oft mit Bannern und Bildern von Führern oder Szenen der Arbeiterbewegung geschmückt. Die Festlichkeiten wurden zumeist von einer örtlichen Parteigröße eröffnet, für die Festreden hingegen wurden gerne auswärtige Redner eingeladen. Diese hielten dann eine mitunter bis zu 2-stündige Rede, und nicht selten wurde von diesen – oder lokalen Vertretern – anschließend Gedichte rezitiert. Dem jeweiligen Arbeiter-Gesangverein oblag es, das Ganze mit kämpferischen Gesängen abzurunden. Zum Abschluss einer jeden Versammlung erfolgte ein dreifaches Hoch – zu Ehren der „völkerbefreienden internationalen Sozialdemokratie“ oder ähnlichem. Die wichtigsten Gedenkfeiern zu Ehren der Märzkämpfer fanden in Berlin statt, wo jährlich Tausende zum Friedhof der Märzgefallen in Berlin Friedrichshain pilgerten und wo alljährlich ein „Freiheitsbaum“ aufgestellt wurde. Andernorts kam es im Zusammenhang mit solchen Feierlichkeiten eher selten zu Straßen-Aufmärschen. Freilich nahm der gemeinsame An- und Abmarsch zum Versammlungslokal mitunter Demonstrationscharakter an, konnten sich die meisten die Fahrkarten für die Straßenbahn nicht leisten. Insbesondere im Falle einer aufgelösten Versammlung konnte es vorkommen, dass die Besuchermassen gemeinsam protestierend in die Innenstädte zogen.

Die Obrigkeit beäugte solcherart Feierlichkeiten misstrauisch, ließ sie überwachen und schritt auch gerne mal ein, wenn die Reden dem Überwachungsbeamten zu aufrührerisch wurden. Die Versammlungen wurden immer wieder aufgelöst, mitunter auch schon vorher im Keim erstickt. Insgesamt wurden diese, zumindest in politisch weniger bewegten Zeiten, aber weniger als eine Gefahr gesehen, zumal sie meist in geschlossenen Räumen erfolgten. In der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890) waren solche Feierlichkeiten freilich generell untersagt. Dennoch wurde sich mancherorts darüber hinweggesetzt und gemeinsame Spaziergänge oder geheime Feierlichkeiten im Freien angesetzt.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Bedeutung der einzelnen Feiertage. Die Lassalle-Feiern wurden nach und nach von denen zugunsten der Märzgefallenen ersetzt, bereits in den 1890er Jahren wurden sie kaum mehr begangen. Vermutlich letztmals fanden diese anlässlich seines 40. Todestages im Jahre 1904 an einigen Orten noch einmal statt, nachdem sie bereits mehrere Jahre nicht mehr gefeiert worden waren. Der 18. März behielt seinen Platz in der öffentlichen Feierkultur der Sozialdemokratie noch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Allerdings wurde dieser oftmals von anderen Themen überlagert. Ab den späten 1900er Jahren standen sie in Preußen zumeist im Zeichen des Wahlrechtskampfes zur Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für das Landesparlament, der in die Tradition der 1848er Revolution gestellt wurde. Im Ersten Weltkrieg war vermutlich niemandem mehr nach Feiern zumute, ebenso wenig in der turbulenten Nachkriegszeit. Die Feiertradition des 18. Märzes wurde von der Sozialdemokratie offiziell nicht wieder aufgenommen, stattdessen wurde der 1. Mai 1919, allerdings nur einmalig, zu einem gesetzlichen Feiertag bestimmt. Es waren paradoxerweise die Nazis, die den 1. Mai schließlich als „Tag der deutschen Arbeit“ zum staatlichen Feiertag machten. Der 18. März wurde hingegen von der Internationalen Roten Hilfe im Januar 1923 der in Gedenken an die Pariser Kommune zum „Internationalen Tag der Hilfe für die politischen Gefangenen“ erklärt und vor allem in kommunistisch geprägten Kreisen begangen. Diese Tradition endete in Deutschland mit der Machtergreifung durch die Nazis 1933 und wurde erst im Jahr 1996 auf Initiative von Libertad und der Roten Hilfe wieder aufgegriffen, die den 18. März zum „Aktionstag für die Freiheit der politischen Gefangenen“ erklärten. Seitdem wird dieser Tag von vielen linken Gruppen mit Aktionen und Kundgebungen begangen.

Die Märzfeiern in Magdeburg

Die eingangs geschilderte Entwicklung der Feierkultur lässt sich auch in Magdeburg nachvollziehen. Die ersten Spuren von Märzfeiern finden sich bereits im Jahre 1848. Auf Initiative der lokalen Bürgerwehr und unter Beteiligung einer Reihe von Arbeitervereinen (Gewerkvereine, Sänger, Arbeitervereine, Verein zur Wahrung der Volksrechte) fand ein feierlicher Auszug mit Musikchören und Fahnen vor das Sudenburger statt. Dort hielt der Prediger Sachse vor zahlreichen Menschen, viele davon mit Trauerfloren, eine Gedenkrede für die Opfer der Kämpfe in Berlin. Die Feier stand noch ganz im Zeichen der organisierenden Bürgerschaft, was auch darin zum Ausdruck kam, dass nach der Rede Sachse ein Hoch auf „unseren wahrhaft konstitutionellen König“ ausbrachte, in das die Versammelten einstimmten.

Für das Jahr 1876 sind in Magdeburg zwei Feiern aus Anlass des fünften Jahrestages der Errichtung der Pariser Kommune belegt. In der einen – am 18. März selbst – sprach auf Einladung des Arbeitervereins Magdeburg der Zigarrenmacher Zwiebler vor 250 Personen über die Geschichte der Pariser Kommune und ihre Verbindungen zur deutschen Revolution von 1848. Der Magdeburger Sozialist Wilhelm Klees beklagte das eingeschränkte Wahlrecht in Deutschland als Ergebnis der unvollständigen Revolution hierzulande. Auch ein Gast aus Berlin, der Maurer Hornemann war zugegen und verteidigte die Pariser Kommune gegen ihre Verleumder in Deutschland. Beschlossen wurde die Versammlung mit einem „dreimaligen Hoch“ auf die Gefallenen Kommunarden und die vom März 1848 in Berlin. Zumindest eine weitere Veranstaltung gab es einen Monat später, am 14. April 1876, im Schwarzen Adler in Buckau, wo erwähnter Zwiebler, laut Polizei ein „Sozialist reinsten Wassers“, eine weitere Rede über die Pariser Kommune hielt.

Eine weitere Feier zu Ehren beider geschichtlichen Ereignisse ist auf das Jahr 1878 datiert. Sie wurde vom sozialdemokratischen Wahlverein einberufen. In ihr sprach einer der Begründer der Magdeburger Sozialdemokratie, Julius Bremer, zur Revolution von 1848 und Alexander Schlesinger zur Kommune von 1871. Wilhelm Habermann, ein Schneidermeister aus Magdeburg, sprach über die veränderten Bedingungen: das inzwischen gereifte Volk brauche keine Gewalt mehr für die Abschaffung der Klassenherrschaft, Gewaltverherrlichung hingegen sei Gegenstand der Sedanfeiern, die dem Massenmorden im Kriege huldigten. Mit einer Werbung für die Magdeburger Freie Presse, der ersten lokalen sozialdemokratischen Zeitung und den hiesigen Wahlverein wurde die wohl letzte legale Märzfeier vor der Periode des Sozialistengesetzes geschlossen.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ im Herbst 1878 waren solcherart öffentliche politischen Meinungsäußerungen im sozialistischen Sinne für zwölf Jahre nicht mehr möglich. Zwar blieb die Beteiligung an den Wahlen für die sozialdemokratische Partei weiterhin legal, jede öffentliche politische Betätigung für diese wurde jedoch unter Strafe gestellt. Dennoch ließen sich vielerorts immer wieder illegale Kämpfer, die sich in sogenannten Corpora-Gesellschaften klandestin organisierten, es sich nicht nehmen, an den Gedenktag zu erinnern.

So geschah es auch im damals noch selbständigen Ort Groß Ottersleben, der von einer bei der Obrigkeit als „renitent“ verschrienen Arbeiterschaft geprägt war. In der Nacht zum 18. März 1886 wurde eine zwei mal drei Meter große Fahne mit der Aufschrift „Hoch die soziale Revolution und die Vorkämpfer des 18. März!“ an der Telegrafenleitung am Hauptplatz des Ortes aufgespannt, so dass sie von den am Morgen zur Arbeit ziehenden ArbeiterInnen deutlich wahrgenommen werden konnte. Dieser „Kinderstreich“ wurde von der lokalen Polizei den notorischen Sozialisten (und späteren Anarchisten) Friedrich Köster und August Hoppe zugeordnet.

Nach dem Ende der Geltungsdauer des Sozialistengesetzes im Jahre 1890 war es wieder möglich, regelmäßig die Feierlichkeiten zu Ehren der Märzgefallen abzuhalten. Im Jahre 1891 wurde in allen Stadtteilen Magdeburgs, mit Ausnahme Buckaus, eine Märzfeier abgehalten. Dennoch wurden diesen Festversammlungen immer wieder – oft sehr schikanöse – Auflagen gemacht.

Alle Register wurden z.B. bei der Feier zum 50. Jahrestag der Revolution von 1848 gezogen. Es wurde nicht nur die Plakatierung für die für den Abend des 17. März 1898 angekündigte öffentliche Volksversammlung im Luisenpark, Magdeburgs großer sozialdemokratisch geführten Veranstaltungslokalität im heutigen Stadtfeld, verboten – beanstandet wurde der Schriftzug „Der 18. März“ – sondern auch sämtliche Musikdarbietungen, die die öffentliche Ruhe gefährden würden. In der Feier selbst schließlich, zu der sich etwa 2000 Menschen eingefunden hatten, mehr als Eintrittskarten verfügbar waren, wurden nicht nur etliche, bis dahin durchaus legale Schriften beschlagnahmt, sondern dann auch konsequenterweise schon nach fünf Minuten Redezeit die Versammlung aufgelöst, als der Referent, der Reichstagsabgeordnete Fritz Kunert aus Berlin, vermeintlich aufwiegelnde Worte benutzte.1 Mehr als einhundert, zum Teil berittene Polizisten, eine für damalige Verhältnisse beachtliche Zahl, waren aufgeboten worden, um etwaige Unmutsbekundungen im Zaume halten zu können. Dies war jedoch nicht nötig, da die „2000 Männer und Frauen […], wenn auch in allen Gliedern zitternd, so doch ruhig“ das Versammlungslokal verließen, wie die Volksstimme in ihrer Berichterstattung nicht ohne Stolz vermerkte. Viele von ihnen wollten dann am folgenden Tag die Möglichkeit nutzen und sich an der in den „Dreikaiserbund“ in der Altstadt einberufenen Märzfeier der Anarchisten zu beteiligen. Diese war aber schon im Vorfeld unmöglich gemacht worden, da die Polizei dem gastgebenden Wirt nahegelegt hatte, sein Lokal für die „revolutionäre Gedenkfeier“ nicht herzugeben. Dem kam dieser aus Furcht vor Maßregelungen auch nach. Somit zogen also die dort versammelten Anarchisten und Sozialdemokraten gemeinsam zum Lokal „Freundschaft“, wo die Freisinnigen (Anhänger einer linksliberal-bürgerlichen Partei) ihre Feier abhielt, sodass dort das Publikum überwiegend aus Sozialisten bestand. Zwar sei die dortige Rede „Limonade“ gewesen, berichtete die Volksstimme am nächsten Tage, aber es seien von den Anarchisten „in recht geschickter Weise […] anarchistische Schriften verteilt worden“, die dann den Unmut der „Freiheitsmänner“ hervorgerufen und damit für Diskussionsstoff gesorgt hatten.

Die Magdeburger Sozialdemokraten, allen voran ihr Vertrauensmann Albert Vater, wollten ihre Feier jedoch nicht nehmen lassen und planten nun eine neue Festveranstaltung für den 20. März im Lokal „Friedrichslust“ in der Leipziger Straße. Auch diesmal war der Versammlungsort überfüllt, ein Teil der BesucherInnen musste auf Anweisung der Polizei das Lokal wieder verlassen, im Weigerungsfalle wurde die Räumung avisiert. Dem kam die Veranstaltungsleitung schließlich nach, ca. 300 Personen verließen das Lokal und reihten sich in die Menge der draußen Wartenden ein. Aber auch dieses Mal wurde nicht nur das Musizieren und Gesang verboten, sondern die Versammlung auch wieder aufgelöst, als Kunert sich anschickte, die Folgen der Revolution zu erörtern und dabei scharfe Kritik an König und Militär übte. Folgerichtig wurde nun eine erneute Versammlung, diesmal in den Dreikaiserbund in der Altstadt einberufen. Aus aktuellem Anlass – die Magdeburger bürgerliche Presse hatte der Sozialdemokratie vorgeworfen, sich zu Unrecht auf das Erbe der Revolution von 1848 zu berufen – sollten diesmal der Redakteur der Volksstimme, Müller, und der RT-Abgeordnete Albert Schmidt das Thema „Hat die Sozialdemokratie ein Recht, die errungenen Erfolge als ihr Werk zu verherrlichen?“ sprechen. Auf eine Plakatierung wurde verzichtet, da „die Bewegung jetzt so vorzüglich in Gange“ und damit ausreichend bekannt sei. Diese dritte Feier nun blieb von der Polizei weitgehend unbehelligt, das Aufgebot war deutlich kleiner, als in den vorangegangenen Versammlungen. Somit konnte, wie die Volksstimme zufrieden feststellte, die Ehrung endlich in „angemessener Form“ und mit „hohe(r) Begeisterung für unsere gute gerechte Sache“ durchgeführt werden. Der Vertrauensmann, Vater, gab schließlich im Schlusswort bekannt, dass es sein Plan gewesen sei, solange Versammlungen einzuberufen, bis eine ungestörte Ehrung möglich geworden wäre. Die Volksstimme stellt dann auch zufrieden-pathetisch fest: „Unsere Widersacher wollen hieran ermessen die Zähigkeit mit der die Sozialdemokratie ihre Ziele verfolgt und sie werden verfolgt, auch wenn rechts und links Opfer fallen.“ und schloss mit dem Aufruf zur Vorbereitung der diesjährigen Maifeier.

Abbildung: Anzeige in der Volksstimme vom 17. März 1905

In der Folgezeit ließ das Interesse am Märzgedenken jedoch langsam nach. Oft wurden die Feiern nur noch als Aufhänger für aktuell-politische Kampagnen genutzt. 1905 standen sie ganz im Zeichen der russischen Revolution. Es wurde zu einer Gedenkfeier für die Märzgefallen und eine „Sympathiekundgebung für die russischen Freiheitskämpfer“ in den Luisenpark eingeladen. Die Volksstimme kündigte eine „machtvolle Demonstration für den revolutionären, völkerbefreienden Sozialismus“ an und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass „sich der alte Revolutionsmonat März auch für unsere russischen Brüder wieder einmal als der Bringer der Freiheit“ erweise. Laut derselben kamen dann auch wieder „Tausende“ ins Stammlokal der hiesigen Sozialdemokratie. Mit Otto Landsberg und Paul Bader waren zwei hochkarätige lokale Referenten aufgeboten worden, die sich zwar bezüglich der Mittel, aber nicht der Ziele einer kommenden Revolution Zurückhaltung auferlegten. So positionierten sich beide Redner gegen „Gewaltanwendung im politischen Kampf“, da die „Unmöglichkeit der Wiederholung der Barrikadenkämpfe […] das Proletariat nicht ärmer […] an revolutionären Mitteln“ gemacht habe. Eine Ausnahme billigten sie angesichts der dortigen bedrückenden Verhältnisse dem russischen Volke zu. Die russische Revolution wurde als „eine Kulturtat“ begrüßt und sich uneingeschränkt mit dieser solidarisiert. Die Rede Baders endete mit dem Ruf „Empor zum Licht der letzten Revolution!“ in „stürmischem Beifall“.

[ssba]

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