Der Virus und die Krise des Kapitalismus

Der Kapitalismus befindet sich wieder mal in einer allgemeinen, globalen Krise. Dabei ist der Virus nur ein Symptom, er bringt die Fragilität der gesamten Gesellschaft und mit ihr deren Unmenschlichkeit ans Licht. Kaum jemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, wie sich die Situation in den kommenden Wochen, Monaten … entwickeln wird. Es ist sehr schwer abzuschätzen, wie ernst die gesundheitliche Situation tatsächlich ist und welche Maßnahmen gerechtfertigt sind. Einiges deutet aber darauf hin, dass Corona nicht mit herkömmlichen Grippe-Viren vergleichbar und in seinen Auswirkungen deutlich gefährlicher ist.

Die sich überstürzenden Ereignisse aufgrund der „Coronavirus-Krise“ in Europa zeigen wieder einmal deutlich, in welcher Klassengesellschaft wir leben. Während es für die einen beste medizinische Versorgung und Luxus-Abschottung gibt, müssen die Proleten den Laden am Laufen halten. Am schlimmsten wird es wohl die Beschäftigten des „Gesundheits“-wesens treffen. Die Situation in den Krankenhäusern hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verschärft. Privatisierung und Reformen gleichermaßen haben die Anzahl der Krankenhäuser und der darin Beschäftigten ausgedünnt, alles wurde auf maximalen Profit getrimmt.

Die politisch Verantwortlichen bewegen sich zwischen unkoordinierten Sofortmaßnahmen – wenn es um die Eindämmung der sozialen Kontakte im Privatbereich geht – und äußerst zögerlichem Handeln, wenn es um die Unterbrechung der Profitproduktion geht. Zwar werden Läden, Restaurants und öffentliche Einrichtungen geschlossen, vor Eingriffen in die „freie Wirtschaft“ herrscht die übliche Zurückhaltung. Aber auch in diesem Fall wird der Markt nichts richten. Längst hätte eine umfassende Einstellung aller nicht unbedingt lebensnotwendigen Produktion erfolgen müssen. Bis dato erfolgte die in erster Linie, weil die Lieferketten unterbrochen worden sind, nicht mehr genügend Material für die Produktion zur Verfügung steht. Aber da, wo das nicht der Fall ist, wird weiter gebaut, produziert, malocht, was das Zeug hält. Allenfalls Büro-ArbeiterInnen werden ins Home-Office geschickt, die Malocher im Blaumann hingegen scheinen immun gegen das Virus zu sein, sie dürfen sich über kluge Ratschläge (einen Meter Abstand halten, keine Hände schütteln …) freuen.

Während hierzulande die Autokonzerne „von sich aus“ die Produktion stoppen – in Wirklichkeit, weil viele Zuliefererbetrieb nicht mehr produzieren – mussten sich in Italien die ArbeiterInnen das noch erkämpfen. Dort sind viele Belegschaften der Großbetriebe in den Streik getreten, weil ungeachtet nicht einzuhaltender Hygiene-Mindeststandards immer weiter produziert werden sollte. Dagegen traten Tausende ArbeiterInnen vor allem in der norditalienischen Metallindustrie in den Streik und erzwangen so einen umfassenden Produktionsstopp. Auch die zumeist migrantischen ErntehelferInnen legten vielerorts die Arbeit nieder, in den zumeist hoffnungslos überfüllten Gefängnissen führte die Missachtung der Gesundheit der Gefangenen gar zu Revolten.

Hierzulande wird auf den meisten Baustellen, in vielen Betrieben und Büros weitergearbeitet, als gäbe es keine Ansteckungsgefahr. Hauptsache, der Profit sprudelt weiter. Während in Italien zumindest einige Gewerkschaften Streiks androhen bzw. unterstützen, kommt vom DGB außer guten Ratschlägen und zaghaften Forderungen nichts. Letztlich bleibt den Beschäftigten nur, selbst die Einstellung der Arbeit zu erzwingen. Wenn oft ein Streik unmöglich scheint (dann bleibt die Bezahlung aus), so gibt es doch Möglichkeiten, durch kreative Anwendung von Arbeits- und Gesundheitsschutzvorschriften die Arbeit faktisch zu verunmöglichen. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Sicher ist, die nächste Zeit wird ungemütlich. So ein Virus ist im Grunde ein perfektes Mittel für die Rettung des neoliberalen Systems – er treibt die im heutigen Kapitalismus angelegte soziale Vereinzelung auf die Spitze. Problematisch ist auch, dass der Virus wohl wieder als Schuldiger für den Kriseneinbruch der Weltwirtschaft herhalten muss – und als willkommener Anlass, erprobte repressive Maßnahmen zum Dauerzustand werden zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren, wenn ein Ende der Pandemie abzusehen ist. Und dann ist es auch Zeit, mit der Forderung nach einer Rückabwicklung – Enteignung – der Privatisierungen im Gesundheitswesen Nachdruck zu verleihen. Bis dahin müssen daran arbeiten, solidarische Netzwerke zu schaffen bzw. zu stärken, Möglichkeiten finden, wie man trotz der widrigen Umstände sich gegenseitig helfen kann.

Solange wir nicht selbst in der Lage sind, selbst eine umfassende effektive Lösung zu organisieren, werden wir wohl eine Zeitlang mit drastischen Einschränkungen persönlicher Freiheiten von staatlicher Seite leben müssen. In dieser Krise kann auch eine Chance liegen, nämlich dann, wenn sich einerseits zeigt, dass der Kapitalismus nicht in der Lage ist, das System am laufen zu halten und es uns gelingt, lebbare Alternativen, vielleicht sogar Utopien aufzuzeigen. Wir können die Zeit in Quarantäne auch nutzen, um unsere Kritik am Kapitalismus zu schärfen und weiter zu verbreiten, ebenso dazu, Ideen eines praktisch nachvollziehbaren, auf Solidarität basierende gesellschaftlichen Alternative zu entwickeln.

[ssba]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.